KI · · 6 Min. Lesezeit

KI-Kompetenzpflicht: Was Artikel 4 jetzt von Ihnen verlangt

Seit Juli 2026 gilt Artikel 4 der KI-Verordnung in neuer Fassung. Was Betriebe, die KI nutzen, jetzt tun müssen und wie Sie das belegen.

Miniatur-Diorama: eine Klasse winziger Büroangestellter sitzt vor einem aufgeklappten Laptop, an dem ein kleiner Lehrer mit Zeigestock steht

Titelbild: KI-generiert

Ihr Team schreibt E-Mails mit ChatGPT, fasst Protokolle mit Copilot zusammen oder lässt Claude Angebote vorformulieren. Damit ist Ihr Betrieb nach der KI-Verordnung ein Betreiber von KI-Systemen, und für Betreiber gilt Artikel 4: Sie müssen etwas dafür tun, dass Ihre Leute verstehen, womit sie da arbeiten. Seit dem 27. Juli 2026 gilt dieser Artikel in einer neuen, etwas weicheren Fassung. Die Pflicht ist geblieben. Ein bestimmtes Format, ein Zertifikat oder eine Mindeststundenzahl schreibt sie nicht vor. Eine Schulung, die zu Ihren Werkzeugen passt, und eine kurze Dokumentation reichen in den meisten Betrieben aus.

Was Artikel 4 heute verlangt

Artikel 4 verpflichtet Anbieter und Betreiber von KI-Systemen, Maßnahmen zu ergreifen, die die Entwicklung von KI-Kompetenz unterstützen. Gemeint sind die eigenen Beschäftigten und alle, die in Ihrem Auftrag mit den Systemen arbeiten.

Bis Juli 2026 stand dort noch, dass Betriebe nach besten Kräften ein ausreichendes Maß an KI-Kompetenz sicherstellen müssen. Diese Formulierung hat der sogenannte Digital Omnibus ersetzt, ein Paket, mit dem die EU ihre Digitalgesetze vereinfacht. Die neue Fassung stellt ausdrücklich klar, dass niemand ein bestimmtes Kompetenzniveau einzelner Personen garantieren muss. Dafür sollen die EU-Kommission und die Mitgliedstaaten die Unternehmen unterstützen, mit besonderem Blick auf kleine und mittlere Betriebe.

Im Kern heißt das: Sie schulden keinen Erfolg, sondern ein ernsthaftes Bemühen. Wer nichts tut, erfüllt die Pflicht aber auch nach der neuen Fassung nicht.

Wen die Pflicht betrifft

Betreiber ist, wer ein KI-System in eigener Verantwortung beruflich nutzt. Ausgenommen ist nur die rein private Nutzung. Für einen Handwerksbetrieb, eine Kanzlei oder ein Büro mit zehn Leuten bedeutet das: Sobald jemand im Team KI-Werkzeuge für die Arbeit verwendet, gilt Artikel 4. Ob die Werkzeuge offiziell eingeführt wurden oder einfach genutzt werden, spielt keine Rolle.

Die Pflicht hängt nicht an der Größe des Betriebs und nicht am Risiko der Anwendung. Die strengen Regeln für Hochrisiko-KI, etwa bei der Bewerberauswahl, sind ein eigenes Thema. Sie wurden mit dem Digital Omnibus verschoben und gelten erst ab Dezember 2027 beziehungsweise August 2028.

Was als KI-Kompetenz gilt

Die Verordnung beschreibt KI-Kompetenz als die Fähigkeiten und das Wissen, um KI-Systeme sachkundig einzusetzen und sich der Chancen und Risiken bewusst zu sein. Wie viel davon nötig ist, hängt von der Rolle ab. Wer mit ChatGPT Newsletter entwirft, braucht anderes Wissen als jemand, der KI-Ergebnisse in Angebote oder Buchungen übernimmt.

Diese vier Punkte gehören in jede Schulung, egal welches Werkzeug Ihr Team nutzt:

  • Wie Sprachmodelle arbeiten: dass sie überzeugend klingende, aber falsche Antworten erfinden können und warum.
  • Welche Daten wohin dürfen: Kundendaten, Personalakten und Verträge gehören nicht in jedes Werkzeug.
  • Wie man prüft: Quellen nachschlagen, Zahlen gegenrechnen, Ergebnisse nicht ungelesen weitergeben.
  • Wie man gute Aufgaben stellt: Wer genau beschreibt, was er braucht, bekommt brauchbare Ergebnisse und spart Zeit.

An der vhs Wasserburg habe ich seit Herbst 2024 in über 20 Kursen mehr als 130 Menschen KI nähergebracht, von Privatleuten bis zu Mitarbeitenden aus Verwaltung und Büro.

Wie sicher Ihr Team im Alltag ist, zeigen fünf Fälle, wie sie in jedem Büro vorkommen:

Mitmachen

Darf das in ChatGPT? Fünf Fälle aus dem Büro

Entscheiden Sie bei jedem Fall, was Sie tun würden. Die Auflösung erscheint sofort.

  1. Fall 1 von 5Sie wollen eine Kundenliste mit Namen, E-Mail-Adressen und Umsätzen auswerten lassen. Ihr privates, kostenloses ChatGPT-Konto ist schon offen.
  2. Fall 2 von 5Sie lassen den Entwurf Ihres Newsletters über das neue Sortiment kürzen und freundlicher formulieren. Kundendaten stehen nicht darin.
  3. Fall 3 von 5Sie sollen ein Arbeitszeugnis für eine Mitarbeiterin schreiben. Im Entwurf stehen ihr Name und ihre Krankheitstage.
  4. Fall 4 von 5Die KI nennt Ihnen für ein Kundenschreiben ein passendes Gerichtsurteil mit Aktenzeichen.
  5. Fall 5 von 5Ein Lieferant schickt einen Vertragsentwurf. Ihr Betrieb hat Microsoft Copilot im Firmenkonto freigegeben. Sie wollen sich die wichtigsten Punkte zusammenfassen lassen.

So erfüllen Sie die Pflicht in einem kleinen Betrieb

  1. Bestandsaufnahme: Wer nutzt welche KI-Werkzeuge wofür? Eine Liste auf einer Seite genügt.
  2. Regeln festlegen: Welche Werkzeuge sind erlaubt, welche Daten dürfen hinein, wer prüft Ergebnisse? Auch das passt auf eine Seite.
  3. Schulen: eine Schulung, die genau diese Werkzeuge und Aufgaben behandelt, nicht ein allgemeiner Vortrag über die Zukunft der KI.
  4. Dokumentieren: wer wann teilgenommen hat und welche Inhalte behandelt wurden. Eine interne Liste reicht, ein Zertifikat ist nicht vorgeschrieben.
  5. Auffrischen: wenn neue Werkzeuge dazukommen oder neue Leute anfangen.

Was passiert, wenn Sie nichts tun

Die KI-Verordnung nennt für Artikel 4 kein eigenes Bußgeld, wie sie es etwa für verbotene KI-Praktiken tut. Zuständig für die Aufsicht ist in Deutschland seit dem 29. Juli 2026 die Bundesnetzagentur, für einige Branchen bleiben Fachbehörden wie die BaFin verantwortlich.

Wichtiger als die Aufsicht ist der Ernstfall. Gibt ein Mitarbeiter vertrauliche Kundendaten in ein KI-Werkzeug ein oder verschickt ein Angebot mit erfundenen Zahlen, steht schnell die Frage im Raum, ob der Betrieb seine Leute darauf vorbereitet hat. Eine dokumentierte Schulung ist dann mehr wert als jede Ausrede.

Was dieser Artikel nicht leistet

Ich bin kein Anwalt, und dieser Text ist keine Rechtsberatung. Er beschreibt die Pflicht so, wie sie im Gesetzestext steht und wie ich sie in Schulungen umsetze. Wenn Ihr Betrieb KI in heiklen Bereichen einsetzt, etwa bei Personalentscheidungen, klären Sie die Details mit einer Fachanwältin oder einem Fachanwalt. Den Wortlaut finden Sie in der KI-Verordnung auf EUR-Lex (öffnet in neuem Tab), Hinweise für Unternehmen beim KI-Service-Desk der Bundesnetzagentur (öffnet in neuem Tab).

So fangen Sie an

Schreiben Sie diese Woche auf, wer in Ihrem Betrieb welches KI-Werkzeug wofür nutzt. Fragen Sie ruhig nach, oft nutzen mehr Leute KI, als die Geschäftsführung weiß. Mit dieser Liste wissen Sie, welche Werkzeuge und Aufgaben eine Schulung abdecken muss.

Wenn Sie dabei Unterstützung möchten: Meine KI-Schulung für Unternehmen dauert 6 Stunden, läuft virtuell oder bei Ihnen vor Ort und richtet sich nach den Werkzeugen, die Ihr Team tatsächlich nutzt.

Häufige Fragen

Ist eine KI-Schulung für Unternehmen Pflicht?

Eine Schulung in einem bestimmten Format schreibt das Gesetz nicht vor. Artikel 4 der KI-Verordnung verlangt aber von jedem Betrieb, der KI-Systeme beruflich einsetzt, Maßnahmen, die die KI-Kompetenz der Beschäftigten fördern. Eine Schulung, die zu den eingesetzten Werkzeugen passt und dokumentiert ist, ist der naheliegende Weg.

Gilt die KI-Kompetenzpflicht noch nach dem Digital Omnibus?

Ja. Der Digital Omnibus (Verordnung (EU) 2026/1744) hat Artikel 4 zum 27. Juli 2026 neu gefasst, aber nicht gestrichen. Statt ein ausreichendes Kompetenzniveau sicherzustellen, müssen Anbieter und Betreiber nun Maßnahmen ergreifen, die die Entwicklung von KI-Kompetenz unterstützen.

Betrifft Artikel 4 auch Betriebe, die nur ChatGPT nutzen?

Ja. Wer ein KI-System unter eigener Verantwortung beruflich einsetzt, ist im Sinne der Verordnung Betreiber. Das gilt auch, wenn das Team ChatGPT, Copilot oder Claude für E-Mails, Texte oder Auswertungen nutzt.

Wer kontrolliert die Einhaltung in Deutschland?

Seit dem 29. Juli 2026 ist die Bundesnetzagentur die zentrale Marktüberwachungsbehörde für die KI-Verordnung, für einzelne Branchen bleiben Fachbehörden wie die BaFin zuständig. Die Bundesnetzagentur bietet über ihren KI-Service-Desk auch Orientierung zum Aufbau von KI-Kompetenz.

Weiterlesen

Mehr aus dem Blog

Alle Beiträge